Die Entscheidung, ob und wann Deutschland aus der Kernkraft aussteigen soll, wird von der Wirtschaft soweit möglich blockiert und verzögert. Haben wir oder die Regierung die Legitimation, einen Ausstieg zu bestimmen? Für mich ganz klar ja, wenn man sich die Risiken und deren Reichweite genauer ansieht.


Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie hat ergeben, dass eine nukleare Katastrophe mit einer Deckungssumme von 6,09 Billionen Euro (6'090'000'000'000 €) zu versichern wäre. Sollte ein AKW die völlig unrealistische Zeit von 100 Jahren an Netz sein, hätte das die Folge, dass für jedes AKW jährlich 19,5 Mrd. Euro Prämie fällig würde, was einen Aufschlag auf den Strompreis von 0,139 nbis 2,36 Euro pro kWh nach sich ziehen würde. Hier wird schon deutlich, dass dies eine unrealistische Untergrenze ist, da kein Material 100 Jahre diese Belastung aushält. Leider wird in der Studie der realistische Zeitraum von 30-40 Jahren nicht angesprochen, dafür aber 10 Jahre: Die zu bezahlenden, umgelegten Versicherungsbeiträge lägen hier zwischen 3,96 und 67,30 Euro pro kWh. Somit wäre der "eigentliche" Preis für Atomstrom etwa um einen Faktor 50 bis 1000 größer als aktuell.

Allein die Größenordnung macht klar, dass der Atomstrom nur solange "billig" ist, solange kein Unfall passiert. "Kleine" Zwischenfälle gibt es genug und eine 100%ige Sicherheit ist nicht möglich, sodass wir uns - früher oder später - auf einen (Super-) GAU einstellen müssen - in Japan ist er übrigens schon am 1. Tag eingetreten, wahrscheinlich schon alleine durch das Erdbeben - mit, wie für Atomkraftunfälle zu erwarten - unüberblickbaren und langfristigen Folgen für Mensch und Umwelt. Da die Konzerne mit 2,5 Mrd. Euro nur für einen lächerlichen Teil der möglichen Folgen haften müssen, tragen wir alle das Restrisiko selbst!
Was mit der Wirtschaft eines betroffenen Landes passiert, kann man in Japan gerade "live" verfolgen. Dabei sind die (momentan) veranschlagten Mittel von 43 (oder auch 86) Mrd. Euro nur direkte Entschädigungszahlungen. Die Bevölkerung zahlt also ihre eigene Entschädigung - welch Ironie des nSchicksals! Die gesamten Auswirkungen werden zudem das Land viel stärker belasten.
Japan und Deutschland haben BIPs von (Wechselkurs von heute ca. 1,43 $/€) 3'443€ (J) und 1'962€ (D). Somit übersteigen die durch die oben genannte Studie potentiellen Kosten die Wirtschaftsleistung des gesamten Landes um einen Faktor 1,77 (J) bzw. sogar 3,10! Ein weiteres ganz klares Indiz für die unglaubliche Tragweite von Unfällen dieser Art.


Die Atomkraft war in den 60ern eine politisch gewollte Lösung zur Deckung des Energiebedarfs, welche sich heute als Irrweg herausgestellt hat. Deshalb ist es auch an der Politik, diesen Weg wieder zu verlassen. Ohne die Förderungen durch den Staat gäbe es die aktuelle Situation wohl kaum. Aus diesem Grund halte ich es für völlig legitim, dass die Politik - also mittelbar die Bevölkerung - auch nwieder einen Ausstieg bestimmt.

Die Stromkonzerne verdienten und verdienen seit Jahren Unsummen (Bilanz Eon 2010: 4,882 Mrd. Euro bereinigter Konzernüberschuss) auf Grund dieser Förderung. Die Bevölkerung hat also sowohl den Aufbau und Forschung gezahlt und zahlt auch jetzt für den Strom. Soweit so gut - oder doch nicht? Wir alle tragen auch noch das gesundheitliche und finanzielle Risiko für eine Technik, die inzwischen fast jeder 2. vehement ablehnt. In Japan muss Tepco staatlich gestützt werden, da sonst der größte Konzern Asiens (!) pleite gehen würde. Tepco ist übrigens weltweit die Nummer 4, nach Eon, EDF und RWE. Es mache sich also keiner Illusionen darüber, ob die Konzerne auch bei uns für die Folgen aufkommen könnten, wenn schon die Nummer 4 es nicht kann!

Um ihre quartalsmäßige Bilanz und Gewinn hoch zu halten, schrecken die Konzerne/Lobbyisten/Regierungen/Länder (?) nicht einmal davor zurück, die Kernkraftwerke einem "Placebo-Test" zu unterziehen. Ziel: Die Bevölkerung beruhigen, aber bitte ja keine Lücken offenbaren! Die Gewinne sollen ja weiter sprudeln, wen interessiert da ernsthaft Sicherheit? Wollen wir uns das bieten lassen?

Nur so am Rande: Momentan sind 11 12 von 13 von 17 AKWs vom Netz, teils durch das Moratorium, teils aufgrund von geplanten Revisionen oder Problemen. Man sieht also deutlich, dass es in Deutschland immer noch genug Strom gibt - ebenso wie genug Reserven! Es gibt da aber eine leider zu oft erfolgreiche Lobbyisten-Taktik: Ängste schüren...


Worauf warten wir also? Deutschland von atomaren Risiken befreien, im Einklang mit der Natur leben und ganz nebenbei die Wirtschaft und den Wohlstand steigern, indem wir Vorreiter und Weltmarkführer für Erneuerbare Energien werden? Wer ist dagegen?


Siehe auch: